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Talentidentifizierung: Hierarchie der positionsspezifischen Eigenschaften

Welche positionsspezifischen Merkmale sind für Scouts und Trainer des Englischen Fußballverbands besonders bedeutsam?

Talentförderung
Der deutsche U 16 Spieler Christian Schwieren läuft mit dem Ball vor dem argentinischen Gegenspieler.
    • Entscheidungshandeln wurde für Innenverteidiger und Mittelfeldspieler und Antizipation für Stürmer als wichtigstes Attribut bewertet.
    • Bei den Außenverteidigern erreichten technische (Tackling, Passspiel) und physische (Agilität, Antrittsschnelligkeit) Eigenschaften die höchste Bedeutung.
    • Als einziges physisches Attribut bei zentralen Mittelfeldspielern wurde Ausdauer in die Rangordnung der Eigenschaften aufgenommen.
    • Insgesamt erhielten psychologisch-kognitive Merkmale eine höhere Bedeutung bei der Talentidentifizierung als physische Merkmale.

Abstract

Bei der Talentsichtung sollten Trainer und Scouts mehr auf technische und psychologisch-kognitive Attribute achten als auf rein physiologische oder physische Merkmale. Dies legt eine Studie aus England nahe. Um die Talentidentifizierung zu verbessern, hat das Forscherteam um Simon J. Roberts mithilfe eines mehrstufigem Befragungsverfahrens für jede Spielposition eine Rangordnung bedeutsamer Merkmale entwickelt. Schlussendlich einigten sich die Experten auf ca. 40 Merkmale, die gemäß der Spielposition gewichtet wurden.

Auf der Suche nach den Merkmalen für Talent

Nur etwa 10 % der Nachwuchstalente aus den Leistungszentren in England und Wales schaffen es tatsächlich auch Profistatus zu erlangen [3]. Zum einen, weil die Leistungspyramide per se nicht für jedes Talent eine Profikarriere vorsehen kann, zum anderen, weil Jugendtrainern und Scouts es weiterhin an konkreten Kriterien zu fehlen scheint, anhand derer sich eine Profifußballkarriere mit einiger Zuverlässigkeit vorhersagen lässt. Da es sich als Trugschluss erwiesen hat, allein von physischen Eigenschaften der Nachwuchsspieler auf die zukünftige Leistungsfähigkeit schließen zu können [4, 5], müssen sich Talentscouts weiterhin oftmals auf subjektive Einschätzungen verlassen [6]. Darüber hinaus ist die Identifizierung und Entwicklung von Talenten ein multifaktorieller und nicht linearer Prozess, der in relativer Unsicherheit geschieht.
Ziel der analysierten Studie war es, positionsspezifische Merkmale im englischen Nachwuchsleistungsfußball zu identifizieren, die eine Talentidentifizierung erleichtern soll.

Sollten Verteidiger immer groß und Stürmer immer schnell sein?

In der Vergangenheit haben Forscher untersucht, ob es eine Beziehung zwischen den verschiedenen Spielpositionen, körperbaulichen Voraussetzungen und Fitnessleistungen gibt. Bei Studien fiel auf, dass die Nachwuchsspieler (U 9 bis U 19) auf den Verteidiger-Positionen deutlich größer und schwerer waren als Mittelfeldspieler oder Stürmer. Die Mittelfeldspieler (U 9 bis U 15) zeigten bessere Leistungen beim Dribbeln und in Ausdauerwerten. Offensivspieler waren schneller und agiler als beispielsweise Spieler auf den Außenpositionen [7, 8]. Die attestierten Eigenschaften sind allerdings sehr allgemein gehalten und lassen zudem psychosoziale Faktoren und die biologische Reife außer Acht [9].

Besser orakeln mit Methode

Trainer aus Leistungszentren und Talentscouts benötigen für die Sichtung einen „handfesteren“ Kriterienkatalog, um im Nachwuchsbereich Ausnahmetalente auf den jeweiligen Spielpositionen ausfindig zu machen. Das Forscherteam um Simon J. Roberts hat darum eine Methode verwendet, die in einem mehrstufigen Prozess größtmöglichen Konsens darüber erzielen soll, welche Attribute für welche Spielpositionen bedeutsame Talentmerkmale darstellen.

Die Forscher wählten zunächst ein hochrangig besetztes Experten-Gremium aus. Unter den zehn eingebundenen Experten waren u. a. der Leistungszentrumsleiter eines englischen Premier League-Vereins, Talentscouts des Englischen Fußballverbands, Sportdirektoren von Premier League-Clubs und UEFA-B-lizensierte Trainer, die mit jugendlichen Elitefußballspielern arbeiteten. In einem ersten Schritt nannten die Experten eingeteilt nach Leistungsfaktoren (Physis, Psyche, Technik, „verborgene Eigenschaften“) allgemeine Attribute, die sie als wichtiges Indiz für Talent im Nachwuchsfußball erachteten. Anschließend sollten die Fachleute über einen Befragungsprozess die 126 genannten Eigenschaften danach bewerten, ob sie in ihren Augen ein aussagekräftiges Talentidentifizierungskriterium darstellen [10]. Nach jeder der drei Befragungsrunden fielen Attribute aus der Liste heraus, die zu wenig Zustimmung erhielten. Am Ende blieben ca. 40 Eigenschaften übrig, auf die sich alle Experten des Gremiums einigen konnten (s. Abb. 01):

Auflistung der Talentenmerkmale nach vier Kategorien: Physis, Psyche, Technik und "Verborgen".

Entscheidung über "die" Eigenschaften

Mithilfe einer Online-Umfrage, an der rund 100 Fußballtrainer teilnahmen, wurden die durch die Eingangsbefragung ermittelten Eigenschaften je nach Spielposition gewichtet. Die Teilnehmer sollten sich vorstellen, sie seien für die Talentsichtung verantwortlich. Sie wurden gebeten, pro Spielposition Attribute aus der Liste auszuwählen und ihnen je nach Bedeutsamkeit für die jeweilige Spielposition Punkte (von „1“ für die unwichtigste Eigenschaft bis „7“ für die wichtigste Eigenschaft) zu verteilen. Welche Eigenschaften die Teilnehmer der Online-Umfrage für die jeweilige Spielposition am bedeutendsten fanden, ist nachfolgend dargestellt. Die Torwartposition wurde aufgrund ihrer Sonderstellung nicht mit in die Analyse aufgenommen.

    1. Entscheidungshandeln
    2. Kopfballspiel
    3. Deckungsverhalten
    4. Stellungsspiel
    5. Erster Ballkontakt
    6. Kraft
    1. Tackling
    2. Hohe Zuspiele
    3. Passgenauigkeit
    4. Agilität
    5. Erster Ballkontakt
    6. Beschleunigungsvermögen
    1. Entscheidungshandeln
    2. Technisches Vermögen unter Druck
    3. Passgenauigkeit
    4. Stellungsspiel
    5. Erster Ballkontakt
    6. Ausdauer
    1. Entscheidungshandeln
    2. Technisches Vermögen unter Druck
    3. Hohe Zuspiele
    4. Dribbling
    5. Agilität
    6. Ausdauer
    1. Antizipation
    2. Torabschluss
    3. Erster Ballkontakt
    4. 1-gegen-1
    5. Bewegungsschnelligkeit

Maßgebliche Eigenschaften: Antizipation und Entscheidungshandeln

In dem positionsspezifischen Anforderungsprofil fällt auf, welche Bedeutung insgesamt den kognitiv-perzeptuellen Fähigkeiten zugemessen wird: Entscheidungshandeln rangiert an erster Stelle bei den Innenverteidigern, den zentralen Mittelfeldspielern und den äußeren Mittelfeldspielern. Antizipation steht bei den Stürmern ganz oben auf der Liste der wichtigsten Eigenschaften. Die Fähigkeit, Situationen und Handlungsmöglichkeiten vorauszudenken – zu antizipieren – verschafft einem Spieler einen Handlungsvorsprung und hilft ihm dabei, in hohem Tempo die richtigen Entscheidungen zu treffen. Interessanterweise nehmen physische und körperbauliche Eigenschaften in der Rangfolge eher hintere Plätze ein.

Technische Qualität – auch wenn’s „pressiert“

Technische Fertigkeiten wie das Anwenden der Techniken unter Druck wurden vor allem für Mittelfeldspieler als wichtig erachtet. Die zentralen Mittelfeldspieler müssen häufig auf engem Raum und unter gegnerischem Druck agieren. Auch wenn es bei diesem Attribut in erster Linie um die technische Qualität geht, so spielen hier wieder Antizipation und Entscheidungshandeln eine wichtige Rolle. Andere Forschungsarbeiten erachten noch aus technisch-taktischer Sicht, den ersten Kontakt und das 1-gegen-1 Verhalten als bedeutsames Merkmal in der Talentidentifizierung [11].
Das Tackling und die Fertigkeit (genaue) Pässe spielen zu können, bewerteten die Teilnehmer der Online-Umfrage als wichtigste Attribute für die Außenverteidiger. Den Studienautoren zufolge sind das technische Fertigkeiten, die dazu beitragen, den Ballbesitz der eigenen Mannschaft möglichst hoch zu halten. Der Ballbesitzanteil einer Mannschaft hängt von vielen Faktoren ab und ist kein Garant für erfolgreiches Spiel, dennoch gibt es Hinweise darauf, dass ein hoher Ballbesitzanteil und Mannschaftserfolg positiv korrelieren [12].

Physis bleibt hinter Psyche zurück

Zumal psychologische Prozesse im Fußball letztendlich in motorische Aktionen umgesetzt werden müssen, wurden auch acht physische Merkmale vom Expertengremium in die ursprüngliche Liste aufgenommen. Von diesen acht haben die Trainer bei der anschließenden Online-Umfrage aber nur fünf ausgewählt: Bewegungsschnelligkeit, Ausdauer, Kraft, Agilität und Beschleunigungsvermögen. Es fällt auf, dass den physischen Eigenschaften vergleichsweise untere Rangplätze zugewiesen wurden. Bei der Auswahl von Nachwuchstalenten spielen physische Attribute weiterhin eine große Rolle und es gibt eine Vielzahl von standardisierten leistungsdiagnostischen Tests (z. B. Sprintwiederholungsfähigkeit, Yo-Yo IR2 Test), die unterstützend zur Talentprognose beitragen können, aber als alleinstehendes Beurteilungskriterium nicht ausreichen [13].

Physis: Ausdauer für die Mitte, Beschleunigung für Außen

Das Attribut Ausdauer taucht in der Rangordnung der Eigenschaften nur bei Mittelfeldspielern auf, nicht aber bei Innenverteidigern, Außenverteidigern oder Stürmern. Dies lässt sich damit erklären, dass Mittelfeldspieler pro Spiel durchschnittlich die längste Gesamtstrecke zurücklegen und die meisten hochintensiven Läufe absolvieren [12]. Auch unter jugendlichen Leistungsfußballern ist dieser Zusammenhang belegt [7, 14].
Wichtiger als Ausdauer wurde für die Außenverteidiger das Beschleunigungsvermögen erachtet. Den Studienautoren zufolge könnte das ein Zeichen des modernen Spielstils sein, bei dem die Außenverteidiger bevorzugt ins Offensivspiel mit eingebunden sind und Beschleunigungsläufe entlang der Seitenlinie absolvieren. Um hinter die verteidigende(n) Linie(n) zu gelangen und/oder offene Räume zu belaufen, benötigen die Außenverteidiger Explosivität und ein hohes Maß an Beschleunigungsvermögen. Eine aktuelle Studie bestätigt, dass Nachwuchsspieler auf den Außenverteidigerpositionen im Vergleich zu anderen Spielpositionen überdurchschnittliche Sprintwerte über die 10- und 20-Meter-Distanz erzielen [8].

Einschränkungen

Die in der Studie extrahierten Merkmale zur Talentidentifizierung beruhen auf den Einschätzungen der ausgewählten Experten/Studienteilnehmer in England. Es ist möglich, dass bei der Hinzunahme von internationalen Experten andere Merkmale angegeben oder gewichtet werden.

Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "Establishing consensus of position-specific predictors for elite youth soccer in England.”, die 2019 im "Science and Medicine in Football" veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. Roberts, S. J., McRobert, A. P., Lewis, C. J., & Reeves, M. J. (2019). Establishing consensus of position-specific predictors for elite youth soccer in England. Science and Medicine in Football, 1-9.

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    1. Statista: Nachwuchsförderung deutscher Proficlubs

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    2. DFL: Nachwuchsleistungszentren

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    3. Anderson G, Miller R. 2011. The academy system in English professional football. Liverpool: Liverpool University Management School.

    4. Vaeyens R, Lenoir M, Williams AM, Philippaerts RM. 2008. Talent identifica- tion and development programmes in sport: current models and future directions. Sport Med. 38(9):703–714.

    5. Baker J, Schorer J, Wattie N. 2018. Compromising talent: issues in identify- ing and selecting talent in sport. Quest. iFirst:1–16.

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    6. Christensen MK. 2009. An eye for talent”: talent identification and the “practical sense” of top-level soccer coaches. Sociol Sport J. 26(3):365–382.

    7. Deprez D, Fransen J, Boone J, Lenoir M, Philippaerts R, Vaeyens R. 2015. Characteristics of high-level youth soccer players: variation by playing position. J Sports Sci. 33(3):243–254.

    8. Towlson C, Cobley S, Midgley A, Garrett A, Parkin G, Lovell R. 2017. Relative age, maturation, and physical biases on position allocation in elite-youth soccer. Int J Sports Med. 38(3):201–209.

    9. Collins D, MacNamara A, Cruickshank A. 2018. Research and practice in talent identification and development – some thoughts on the state of play. J Appl Sport Psychol:1–12.

    10. Meshkat B, Cowman S, Gethin G, Ryan K, Wiley M, Brick A, Clarke E, Mulligan E. 2014. Using an e-Delphi technique in achieving consensus across disciplines for developing best practice in day surgery in Ireland. J Hosp Adm. 3:4.

    11. Larkin P, O’Connor D. 2017. Talent identification and recruitment in youth soccer: Recruiter’s perceptions of the key attributes for player recruitment. PLoS ONE 12(4): e0175716.

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    12. Bradley PS, Lago-Peñas C, Rey E, Gomez Diaz A. 2013. The effect of high and low percentage ball possession on physical and technical profiles in English FA Premier League soccer matches. J Sports Sci. 31 (12):1261–1270.

    13. Collins D. 2014. Comment on “Football-specific fitness testing: adding value or confirming the evidence? J Sports Sci. 32(13):1206–1208.

    14. Vieira, L. H. P., Carling, C., Barbieri, F. A., Aquino, R., & Santiago, P. R. P. (2019). Match Running Performance in Young Soccer Players: A Systematic Review. Sports Medicine 49(2):289–318

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